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Die Website Zukunftslobby.de ist das Publikationsorgan des Vereins Zukunftslobby e.V.

Zukunftslobby setzt sich argumentativ für die Interessen der nachfolgenden Generationen ein.
Schwerpunkt ist die weitgehend ökonomische Analyse des gegenwärtig herrschenden Wirtschaftssystems und sein
er zerstörerischen Dynamik.
Diesem System wird ein neuer, überparteilicher, umfassend nachhaltiger Entwurf einer zukunftsfähigen Ökonomie entgegen gehalten, die Hypothese der Kategorischen Marktwirtschaft.

So, wie in der Karikatur links, stellt sich die Situation der gegenwärtigen Weltgesellschaft dar. Wir in Deutschland sind lediglich ein Teil dieses fatalen Schauspiels.
Alle machen mit beim Zersägen, Zerhacken und Verbrennen des Floßes unter unseren Füßen, des Fundaments der Menschheit, welches uns immer weniger davor bewahren kann, unterzugehen
.

Lesen Sie unser Essay.
"2010 - Wir müssen jetzt handeln!"
- Der ganz normale ökonomische Wahnsinn, oder: Wie wir uns selbst und unsere Kinder betrügen. Als PDF Hier

 

Zukunftslobby will eine umfangreiche Studie zur Ermittlung der kompletten Summe aller in Deutschland externalisierten Schadkosten bei mehreren wissenschaftlichen Institutionen in Auftrag geben.
Nach Hochrechnung entsprechender früherer Studien sind dies mindestens 400 Milliarden Euro jährlich.
Unsere Konsumgesellschaft sollte wissen, wie hoch der Preis für ihren zweifelhaften, sogenannten "Wohlstand" ist.

Zukunftslobby will, auch mit dem Ergebnis der Studie, eine umfangreiche Verfassungsklage gegen die herrschende ökonomische Ideologie und ihre fatalen Auswirkungen formulieren.
Ob diese angenommen wird oder nicht, ob die ökonomische Ordnung als verfassungswidrig erkannt wird oder nicht, zumindest hätten wir, die jetzt lebende Generation die Möglichkeit, den alltäglichen ökonomischen Irrtum öffentlich anzuklagen. Mehr dazu auch Hier

 

 

 



Dezember 2015 - Paris, Klimakonferenz:

Sofortausstieg ist Willenssache


Jetzt verhandeln sie wieder, diesmal in Paris, über die folgenschwerste Nebenwirkung unseres Wirtschaftssystems. Das Kohlendioxid soll eingedämmt werden, wieder einmal. Es soll, so wird feierlich verkündet, nicht über einen willkürlich festgelegten Wert, das berühmte "Zwei-Grad-Ziel", hinaus steigen. Dabei weiß niemand, wie dies zu berechnen ist, ab welcher CO2-Konzentration in der Atmosphäre die globale Erwärmung bei zwei Grad Celsius bleibt. Fachleute für das Thema Klimaentwicklung glauben zwar, hierzu Angaben machen zu können, doch es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass auch dies alles nur wilde Vermutungen sind, die zu präsentieren man gegenüber dem erwartungsvollen Publikum für besser erachtet als gar nichts.

Was bedeutet es denn, das "große" Vorhaben umzusetzen und den jährlich üblichen Ausstoß von Kohlendioxid wirklich zu senken, ein Szenario, das bis heute trotz aller Konferenzen, Verträge und Beteuerungen noch nirgendwo stattgefunden hat? Selbst in Deutschland ist der alljährliche Ausstoß mit sanften Knicken in der statistischen Kurve eigentlich nur angestiegen. Würde man die ausgelagerte CO2-Verursachung dazu rechnen, die gewissermaßen in unserem Auftrag in Ländern wie China passiert, von woher mittlerweile die meisten der von uns konsumierten Industrieprodukte stammen, sähe die Bilanz noch schlechter aus.

Hier herrscht in der Bevölkerung das größte Missverständnis, denn viele glauben, in Paris beschließen die Staaten eine Verbesserung. In Paris, und das trifft nur auf den allergünstigsten Fall zu, will man jedoch lediglich die Verschlimmerung verlangsamen. Im Schlussabkommen, das es sicherlich geben wird, hauptsächlich um der Öffentlichkeit den Beleg für ein Ergebnis zu präsentieren, wird wieder einmal mit blumigen Worten präsentiert ein Minimalkonsens stehen. Damit lässt sich vor der Weltöffentlichkeit und mit Unterstützung der meisten Medien, welche die miserable Qualität des Ergebnisses mal wieder nicht erkennen werden und sich auf das Nachplappern von Lobeshymnen, vielleicht noch abgerundet mit einem schüchternen "Aber ..." beschränken, vortreffliches gegenseitiges Schulterklopfen inszenieren, - man will ja keinen verängstigen.

Was bedeutet denn die eventuell verhandelte und sogar gaaaanz eventuell auch praktisch umgesetzte allmähliche Senkung des jährlichen CO2-Ausstoßes?
Nehmen wir ein Bild zur Verdeutlichung:
Ein Unternehmen betreibt eine Produktion, bei der relativ viel ungiftiger aber schwerer Abfall entsteht, und der sich aus irgendwelchen Umständen auf den Dächern der Firmengebäude ansammelt. Den Abfall dort herunter zu holen rechnet sich nicht. Irgendwann kommt jemand zum Firmenchef und gibt zu bedenken, dass die Dächer unter der hohen Last zusammenbrechen könnten. Leider kann man nicht genau ermitteln, bei welchem Gewicht der kritische Punkt erreicht ist und was genau bei einem Zusammenbruch alles zerschlagen und zerstört wird. Welches ist nun die sinnvollste Strategie? - Das hängt davon ab, wo die Prioritäten liegen.
a) - Will man die Gebäude und die Firma erhalten, darf ab sofort gar kein schweres Material mehr aufs Dach gelangen, ja was sich dort schon befindet, sollte sogar möglichst wieder herunter. Das hieße aber: Produktionseinstellung und vollständigen Umbau auf eine Alternative, die mit keinerlei Belastung der Dächer verbunden ist.
b) - Weitermachen wie bisher und maximalen Gewinn einfahren, bis vielleicht schon morgen alles einstürzt.
c) - Man beschließt, die Produktion in Zukunft etwas zu reduzieren, damit nicht mehr ganz so viel Gewicht täglich zusätzlich zur bereits vorhandenen Last aufs Dach gelangt. Wie dies gelingen soll, ohne dass der Produktionsgewinn einbricht, lässt man offen.

Im Falle a) bleibt am ehesten der Bestand erhalten, erkauft mittels vollständigen Gewinnverlusts. Eine Alternative muss erst noch entwickelt und aufgebaut werden, was eine sehr lange Durststrecke mit sich bringt. Kurzfristig gesehen die wirtschaftlich unkomfortabelste Lösung.
Im Falle b) ist noch ein furioses und profitables Abschlussfeuerwerk möglich, bevor relativ schnell Bestand und Gewinn für immer verloren ist.
Der Fall c) ist nur dann nicht identisch mit b), wenn die Absichtsbekundungen auch umgesetzt werden. Dies ist aber noch nach keiner der vergangenen Klimakonferenzen geschehen. Sehen wir es aber diesmal ganz optimistisch: Sollte es nach Paris wirklich anders sein, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es ebenso endet wie im Falle b), bei etwas weniger als 100%. Diesen, menschheitsgeschichtlich winzigen Unterschied will man sich zu Nutze machen, um bestimmten Gruppen die Gewinnmitnahme durch CO2-Verursachung noch möglichst ausgedehnt zu sichern.

Klimakonferenzen sind nichts anderes, als ganz "geschickte" scheinbare Zwischenlösungen zwischen Selbstmord und Selbstbetrug. Auf ihnen trennt eine globale Führungsclique zwischen dem Beschluss und der folgenden Tat.
Ersteres dient der öffentlichen Beruhigung, Zweiteres der insgeheimen Erwartung wirtschaftlich interessierter Protagonisten.
Auf Klimakonferenzen soll beschlossen werden, - noch ein Bild -, dass in jedem Jahr gewissermaßen etwas weniger Gift in den schon lebensgefährlich erkrankten Patienten injiziert wird.
Dies hört sich zumindest nach Problembewusstsein, für die naivsten im Publikum sogar nach Problembehandlung an. Ja am Ende taugt der so gefeierte Beschluss zwar für gar nichts, weil die Realitäten verschiedenster Sachzwänge ihn sofort überlagern und die Wohlhabensten der Beschlussverhandler später doch wieder nur ihr eigenes Süppchen kochen.
Es kann sich aber jeder der eigenen Illusion hingeben, dass das Klima ja vielleicht noch hält, bis die Investitionen abgeschrieben sind, bis die Finanzlage für alternative Investitionen wieder besser ist, bis sich herausgestellt hat, ob die Republikaner in den USA nicht vielleicht doch Recht haben, bis die Öl-Pipeline aus der Kanadischen Provinz Alberta sich amortisiert hat, bis eine neue tolle technische Erfindung das CO2 aus der Luft beseitigt, bis jeder der wirtschaftlichen Hauptakteure und die Unternehmensteilhaber ihr Schäfchen ins Trockene gebracht haben, bis ... - ja was weiß ich noch alles.
- Wenn da nicht System hinter dieser offensichtlichen Strategie zur massiven Unterlaufung wirksamer Klimaschutzmaßnahmen steckt, dann gibt es das Wort System nicht.

So haben alle sogenannten Klimakonferenzen vor Paris, wenn überhaupt, nur in solchen Bereichen minimale Erfolge gebracht, wo es entweder kaum jemandem ökonomisch weh tat oder wo ein ökonomisch profitabler Ersatz in Aussicht gestellt werden konnte.
Phantasie entwickelte sich lediglich bei der Formulierung von Ausreden, wie etwa, dass der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern viele Arbeitsplätze kosten würde, dass der "Wohlstand" in Gefahr sei, und dass der Umstieg mit riesigen Kosten verbunden wäre.
Ebenso wird sich intensiv mit der Ausarbeitung von Ablenkungsmanövern beschäftigt, wie dem Handel mit Verschmutzungszertifikaten, welcher letztendlich ja pompös gescheitert ist und uns wertvolle Zeit gekostet hat und mit der Frage, 2015 ganz aktuell, wieviel Geld die jetzt schon von Klimaveränderung betroffenen Staaten bekommen sollen, wer dieses Geld zu bezahlen hat und damit als Schuldiger angesehen werden kann, womit ja etwas getan wird und wieder Zeit verstreicht, die wir nicht haben, ja und wie es investiert werden soll, um der Wirtschaft wieder zu dienen.
In Paris, wie auch auf solchen Events zuvor, entscheiden die falschen Leute! Das Denken der "Weltretter" dort ist unfähig, um auszubrechen aus der gigantischen Engstirnigkeit, die uns in den Klimaschlamassel erst hinein gebracht hat.

Der Spekulation im obigen Beispiel, nach dem vermutlichen Maximalgewicht, welches die Dächer noch aushalten könnten, entspricht in der Klimafrage dem Versuch, das Verhalten der beeinflussten Natur abzuschätzen. Welch eine Anmaßung, - niemals wird irgend ein Mensch in dieser unendlich subtilen Materie mit all ihren Wechselwirkungen und dem beliebig großen Vorrat an bösen Überraschungen irgend ein relevantes Detail abschätzen, geschweige denn berechnen können. Agnès Sinai schreibt in der Le Monde Diplomatique: "Niemand weiß, wann der Kipppunkt erreicht ist, an dem das Klima für die Menschheit zur Katastrophe wird. Es ist also fragwürdig, Obergrenzen für Treibhausgase festzulegen." (Novemberausgabe, "Straftatbestand Ökozid")

Ja, das vernünftigste wäre, den Ausstoß von CO2 sofort auf Null Emissionen abzusenken.
Dies spricht aber niemand aus
, weil es mit katastrophalen Veränderungen in unserem Alltag einher ginge. Wir würden die Leitung zu jenem zweifelhaften Tropf durchschneiden, den wir uns als Spender materiellen Wohlstands ja über die letzten Jahrzehnte hinweg erschaffen haben.
- Ungeheuerlich?
Wollen wir doch mal abwägen:
Wie viele Menschen auf dem Globus wären nach solch einem ultimativen Carbon-CUT denn betroffen und wie stark? Erst allmählich könnte ein bescheidener Ersatz auf regenerativer Basis zumindest für die wichtigsten Funktionen aufgebaut werden, während die meisten "Luxusgewohnheiten" vollständig abgehakt werden müssten. In Fällen existenzieller Not, die wohl weniger in den Industriestaaten auftreten würden, könnte die fossile Energie ja noch eine kurze Weile erlaubt bleiben.
- Gut, wie auch immer, wie sehr ich mich hier auch in der Schwere tatsächlich auftretender Zustände irren mag, betroffen sein werden fast alle 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Es wird einige Jahre dauern, bis ihre Situation sich wieder verbessert. Halten alle Staaten zusammen und vermeiden Verteilungskriege, wird es wohl schneller gehen und in weiten Strecken glimpflicher verlaufen.

Im anderen Falle, wenn wir nicht den sofortigen Ausstieg aus der Kohlenstoffwirtschaft schaffen, stehen den heutigen 7,5 Milliarden Erdbewohnern jene Milliarden gegenüber, die in den nächsten Jahrhunderten den Planeten bewohnen wollen und sich mit den von uns angerichteten Dauerkatastrophe eines entgleisten Klimas befassen müssen. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts werden nach Schätzungen noch gut 12 Milliarden Menschen in drei Generationen kommen. Hier gehe ich von einer prognostizierten Zahl von knapp 10 Milliarden ab der Zeit nach 2050 und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 72 Jahren aus. Natürlich kann die zukünftige Lebenserwartung noch ansteigen, sie ist von 1990 bis 2013 um gut 6 Jahre gestiegen. Sie kann genausogut aber auch wieder absinken, wenn man bedenkt, welche katastrophalen Veränderungen mit entscheidenden Auswirkungen auf die Lebensumstände in vielen Erdregionen im Verlauf des Klimawandels noch möglich sind.
Ab dem 22. Jahrhundert, wo sich die Menschheit laut Prognosen auf 9 Milliarden stabilisiert hat, kommen in jedem Jahrhundert wieder knapp 12 Milliarden Menschen, also vom Klimawandel betroffene Individuen, dazu. Vielleicht nimmt die Erdbevölkerung ja auch aus derzeit nicht erfindlichen Gründen stärker ab, als prognostiziert, jedoch ist dies müßig einzukalkulieren. Die Wissenschaft sagt, dass das heute ausgestoßene CO2 in 1000 Jahren immer noch zu 30% in der Atmosphäre sein wird. Dazu kommt jenes, das ab morgen noch verursacht und emittiert wird, sofern die mächtigsten Staaten mit ihrem geplanten Theater in Paris durchkommen.
Eine Klimakatastrophe beansprucht eben erdgeschichtliche Zeiträume. Die enorme Trägheit der Wirkung einer übermäßig mit CO2 angefüllten Atmosphäre ist kaum kalkulierbar. Bis man nach einer deutlichen Emissionsminderung, die nicht sofort, sondern entsprechend den Vorstellungen der heutigen Politik vielleicht ab Ende des Jahrhunderts umgesetzt sein soll, Wirkungen beim Klima feststellt, können viele Jahrhunderte vergehen.
Wenn man also nur die Erdbewohner der nächsten 1000 Jahre als Betroffene einstuft (die danach werden es sicherlich ebenfalls noch sein), 30 Generationen also, dann kommen wir, sofern die Weltbevölkerung sich bei den prognostizierten 9 Milliarden hält, auf die Zahl von 120 Milliarden Menschen. Selbst wenn sich die Zahl der den Planeten gleichzeitig bewohnenden Menschen inetwa auf den heutigen Wert reduzieren sollte, stehen den 7,5 Milliarden Betroffenen eines Sofortausstiegs, welcher zudem noch in 10 bis 20 Jahren überwunden sein kann, noch 100 Milliarden Menschen gegenüber, die nach einem unterbliebenen Sofortausstieg unter einer sich Jahr für Jahr verschärfenden Bedrohung ihrer Lebensumstände leiden müssten.

Stimmen wir also ab, - gedanklich!
Ja und berücksichtigen wir auch noch eventuelle positive Übergangsszenarien und die ein oder andere Verbesserung weniger Lebenssituationen von zukünftigen Menschen in besonders begünstigten Weltregionen (- mit dererlei Einwänden kommen die größten Arschlöcher ja auch in den brenzligsten Szenarien daher -), was aber wohl eher eine Milchmädchenüberlegung werden wird, weil die am wenigsten betroffenen Länder die größte Anziehungskraft auf Flüchtlinge ausstrahlt.
Stimmen wir also ab, ganz demokratisch, und ignorieren wir, gedanklich, die Tatsache, dass die Menschen der Zukunft heute natürlich nicht an die Wahlurne treten können. Bedenken wir aber ausdrücklich, dass sie unzweifelhaft wahlberechtigt sind und das in existenzieller Weise, und dass sie alle Bescheid wissen über die Tragweite dessen, was durch die Wahl entschieden werden soll.

Wer wird wohl gewinnen?
Werden sich die 107,5 Milliarden Abstimmungsberechtigten mehrheitlich für oder gegen den sofortigen Ausstieg aus der CO2-Emission, zu erfolgen im Jahreswechsel 2015/2016, aussprechen?

Welche Gründe sollte es geben, dass das Ergebnis, wo doch auch unter den 7,5 Milliarden jetzt lebenden Wählern viele Millionen Betroffene heute schon dafür wären, nicht bei Werten um die 94% zu 6% herum läge?
Und welche Gründe könnte es wohl geben, einen solch eindeutigen Wählerwillen nicht umzusetzen?

Aktuell, zum Thema Klimakonferenz in Paris, geschehen derweil absurde Dinge. Die Medien, von öffentlich-rechtlichen Anstalten bis zur "Qualitätspresse" beteiligen sich emsig an der Jonglage mit Höchstwertbegriffen, Prozentzielen, Meeresanstiegshöhen, Zeitraumvermutungen und Kostenrechnungen.
So manch ein Fachmann wird zum Interview geladen, welches aber natürlich immer sachlich verlaufen muss. Die abermalige Mahnung zu mehr "Anstrengungen" verhallt zum tausendsten Mal durch den Äther, um im gleichen Nirwana zu enden, wo alle "Mahnungen" der letzten 30 Jahre ebenfalls folgenlos verschwanden.
Oh, - auch diese wird nur in ruhiger und "sachlicher" Form akzeptiert und gesendet. Ausraster, geäußerte Verzweiflung und Szenen geplatzten Kragens sind nicht gewünscht, widersprechen sie doch den Richtlinien der Anstalt und des Programmbeirats.
Was, so frage ich mich, werden die Menschen in 100 Jahren zu dieser Etikette sagen, die so gar nicht zur Schärfe der Situation im Angesicht des größten Verbrechens wohl aller Zeiten von Menschen an Menschen steht?

Die Verbrecher und Vertreter von Verbrecherorganisationen auf dem Laufsteg von Paris sind ja ehrenwerte Politiker und Wirtschaftsvertreter in feinem Tuch und haben ein Recht auf gute Manieren bis hin zum letzten Blutstropfen.
Ist das angemessen?
Wieso schreit nicht mal jemand diesen selbstgefälligen Idioten das ins Gesicht, was nahezu alle Menschen des Jahres, ja sagen wir einmal 2095, ihnen um die Ohren schlagen würden? Haben wir nicht eigentlich die Pflicht zu tun, was unseren Geschwistern aus der Zukunft aus biologischen Gründen heraus nun mal verwehrt bleibt?

Und zu allem Überfluss sollen wir dann auch noch Journalisten und Medienleute ertragen, die einen "Selbstversuch" gemacht haben und darüber berichten. - Das Ansinnen in etwa: "Wollen wir doch mal schauen, wie die Einschränkungen meines Tages aussehen, wenn ich nur die erlaubte Menge an CO2 verursachen möchte."
Abgesehen von der Tatsache, dass es eine "erlaubte Menge" an CO2 objektiv gar nicht geben kann, weil nach einer hypothetischen Reduzierung des Neuausstoßes auf Null sich sofort die Reduzierung der bereits emittierten CO2-Anteils in der Luft als Aufgabe anschließt, und dies durch bewusste, möglichst tiefe Unterschreitung einer ebenfalls hypothetisch festlegbaren biosphär kompensierbaren Menge, wird hier vor allem deutlich:
Diese Leute stecken bis über die Ohren in ihrer unsäglichen Dekadenz aus vollständig CO2-basiertem Wohlstand, Alltag und Konformbewusstsein fest, so dass sie auch gar nichts anderes mehr wahr nehmen. Ihr Bewertungsstandpunkt ist dermaßen weit von einer objektiven Position und gerade auch von der Sichtweise von Menschen aus dem Jahr 2095 beispielsweise entfernt, dass ihre, innerhalb ihres Kopfgefängnisses vielleicht sogar gut gemeinten Berichte, ausschließlich für die Spielchen der wohlstandssabbernden und wachstumsgeilen Klimaverschacherer in Paris nützlich sind.
Ja, und den SSS-Mutanten (Shopping, Smartphone, Sushi), dieser dekadenten Zuchtform des Homo Sapiens, werden sie in ihrer unverbindlichen Coolness sicher auch ganz unterhaltsam vorkommen.
Für Menschen, die sich vom nüchternen Umfang der eigentlichen Notwendigkeiten noch nicht haben ablenken lassen, und die in ihrem Alltag vehement kämpfen müssen, um sich und ihrer Überzeugung treu bleiben zu können, ist es nur noch deprimierend, dass die komplette Medienlandschaft von konsumorientiert-journalistischer Inzucht bevölkert und keine abweichende Stimme mehr zu finden ist.

Platzen könnte man zuweilen, wenn es beispielsweise auf Dradio in einem Politischen Feuilleton zum selbsternannten Umweltweltmeister Deutschland Passagen wie diese zu hören gibt: "-Was also ist zu tun? Ich beklage diese Dinge (- er meint den misslungenen Umweltschutz -) nicht, um nun meinerseits besserwisserisch Verzicht zu predigen. Ich glaube zwar, dass einiges an Weniger-statt-mehr möglich ist, ohne substantiell an Lebensqualität zu verlieren. Aber letztlich muss und wird das jeder für sich selbst entscheiden.-"
Da ist fast jeder Halbsatz zum Schreien!
Eine Antwort auf die Frage die er stellt, gibt der Autor nicht. Das Wort Verzicht bereitet ihm derart Unbehagen, dass er sich sofort distanziert. Verzicht aber darf in der Umweltdiskussion generell kein Tabu mehr sein, sondern das erste unbedingte Mittel zum Zweck.
Auch wenn die Spaßgesellschaft mit Verzicht nicht umgehen kann und Verzicht als natürlicher Feind der Wachstumswirtschaft von der wirtschaftshörigen Öffentlichkeit immer noch verpönt wird: Verzicht ist nicht weniger vom Nötigen, sondern mehr vom Richtigen! Verzicht kompensiert sich von selbst, weil er das ureigen menschliche anregt und der Phantasie und neuen und verträglichen Ideen erst Raum gibt.
Ja man darf ihn auch nicht nur "predigen", sondern muss ihn unter allen Umständen fordern. Und wer sich dabei "besserwisserisch" vorkommt, ist ein Opportunist und ein Feigling, der die Interessen der schnöden Konsumgesellschaft höher einschätzt, als die elementaren Bedürfnisse der Menschheit.
Der Autor sagt genau, was er, stellvertretend für seine Gattung des Homo Konsumens und auch für seine Abgeordneten in Paris, zur Abmilderung unser aller real existierenden Frevels an der Menschheit, zu tun bereit wäre: Soweit an Lebensqualität nicht etwas "substanziell" verloren gehen kann, zieht er großzügig in Erwägung, auch etwas "Weniger-statt-mehr" zu akzeptieren. - Ahhhh! - und er schränkt weiter ein, dass auch dieses kaum sichtbare Winzige von denjenigen nicht akzeptiert werden muss, die keinen Bock darauf haben.

Wieso lassen wir das ganze Theater mit der Klimadiskussion dann nicht einfach ganz bleiben?
Wieso sind wir denn nicht frei heraus und ehrlich und bekennen: Der Klimawandel ist uns jetziger Generation völlig egal, denn ohne kräftigen CO2-Ausstoß funktioniert unser derzeitiges Wirtschaftssystem samt der Erzeugung von Wachstum nicht!
Mit den Regenerativen wird es nicht gehen, denn damit werden wir niemals einen 1-zu-1-Ersatz hinbekommen. Eine ausschließlich regenerativ betriebene Weltwirtschaft wäre eine völlig andere, eher regional, mehr sozial und selbstbestimmt, mit aufgeteilter Macht, mit deutlich weniger Konsum und ganz anderer Produktion und weniger globalen Abhängigkeiten und vor allem mit weit geringeren Profitaussichten für jene, die den größten Einfluss auf den Ausgang jener Veranstaltungen haben, die man Klimakonferenzen nennt.

Sagt es doch einfach wie ihr es eigentlich meint:
Die Ausstiegsszenarien sind lediglich Fleischbrocken zum Kauen für die Medien und bunte Stopfwolle für das doofe Wahlvolk. Die Prozentphantasien und Jahresangaben haben wir gerade eben auf dem Klo gewürfelt und dann auf edles Papier gemalt.
Scheißegal, ob in Bangladesh oder auf einigen Pazifikinseln Leute ersaufen, ob in Afrika, im Süden der USA und Zentralasien bald kein Trinkwasser mehr im Boden zu finden ist und ob in den Hochgebirgen die Hänge zu Tal spülen und Dörfer begraben. Scheißegal dass viele Völker sich in Zukunft wegen Wassers bekriegen, wegen verlorener Ackerflächen oder wegen verdorrter Ernten. Überleben muss die Wirtschaft, der schnöde Wohlstand des reichsten Viertels der globalen Konsumentenschaft und der Profit. - Heil Neoliberalismus?!?!

--- Wie lautet der schon viel zitierte, ultimative Seufzer des verzweifelten Beobachters: Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!
- Essen wir ausnahmsweise einmal viel und kotzen dann die Klimakonferenz zu. Davon würden unsere Nachkommen noch 2095 erzählen, - bestimmt!

Ich leiste mir also hier die totale Provokation und fordere den sofortigen Stopp aller CO2-Emissionen, also die Einstellung jeglicher Energieerzeugung aus fossilen Brennstoffen. Alles an Erdöl, Gas und Kohle, was noch im Boden steckt, soll dort auch bleiben. Was schon in Tanks und auf Halde ist, darf nur für den Notfall und zur Verhütung größter existenzieller Not verbraucht werden. Danach ist auch hier Schluss!
Was jetzt kommt, ist mir klar:
Ich werde für verrückt erklärt, denn da wäre ich ja verantwortlich für die vielen Leute, die zu hause in ihren schmucken aber energetisch auf Sand gebauten Häusern vor sich hin frieren müssten, für die erliegende Produktion, weil die Maschinen nicht mehr liefen und die Angestellten nicht mehr zur Arbeit fahren könnten, für die Gürtel, die enger geschnallt werden müssten, weil der ökologische Anbau ohne fossile Energie viel Arbeit macht, für die Flieger, die nicht mehr aufsteigen könnten und überhaupt für all die Krisen, die ausbrechen, weil das Schmiermittel unserer Raubbauwirtschaft nicht mehr verfügbar ist. Was kommt wohl, wenn Brot und Spiele rar werden?

Ich entgegne zweierlei:

1. Ihr hattet lange genug Zeit euch umzustellen. In den 1980er Jahren war schon alles offensichtlich. Jeder hätte es wissen können, dass die Kohlenstoffwirtschaft zügig beendet werden muss. Sollen sich die besorgten Bürger doch an jene Politiker halten, denen sie damals die Stimme gaben, weil sie ihnen versicherten, wir könnten weiter machen wie gewohnt, und es ja so viel einfacher war, diesen Bauernfängern zu glauben. Sollen sie doch diesen die Vorratskammern plündern und die der neoliberal verblendeten Wirtschaftsbosse und Lobbyisten, wie den Verantwortlichen in den Medien gleich mit.

2. Ich bin im Recht, wenn ich fortan die Sache nur noch aus dem Blickwinkel der Menschen am Ende des Jahrhunderts betrachte. Damit habe ich alle die heute so hochgehaltenen gesellschaftlichen Ideale, wie Demokratie, Friede, Freiheit, Gerechtigkeit, und auch alle verfassungsmäßig garantierten Grundrechte auf meiner Seite.

Ich fordere das Maximale, im vollen Bewusstsein, dass es mir selbst sehr wahrscheinlich große Nachteile bringt, aber in voller Überzeugung, dass es für die nachfolgenden Generationen das einzig Richtige ist.
Sollte ich auch heute der Arsch sein, - in 80 Jahren und danach bin ich vielleicht einer, der unserer jetzigen erbärmlich ignoranten Generation einen kleinen Anflug von Menschlichkeit verlieh!

Für Zukunftslobby von
Carl Christian Rheinländer sen.



November 2015:

Im Artikel über die sozialen/finanziellen Schwierigkeiten in Griechenland (Oktoberbeitrag), hatte ich das Prinzip einer Zweitwährung in Form eines Zahlungsmittels mit festgelegter Vergänglichkeit angesprochen, welches nicht an die üblichen Begründungs- und Schöpfungsprinzipien gekoppelt sein muss, sondern einfach aus dem Nichts heraus unters Volk gebracht wird.
Diese Überlegung ist natürlich auch für jedes andere Land interessant. Nicht nur in Griechenland ist der überwiegende Bevölkerungsanteil aus unteren und mittleren Schichten in jeder Beziehung vom herrschenden Geldsystem und seinen Launen und Zwängen abhängig. Auch in Deutschland könnte mittels einer Zweitwährung mit Verfallsdatum sehr viel mehr geändert werden als nur die permanente Geldknappheit einiger Millionen Staatsbürger.

Was bisher zu diesem Problem diskutiert wird, ist das bedingungslose Grundeinkommen (BGE), welches ich aus verschiedenen Gründen heraus für eine Milchmädchenrechnung halte. Wenn es eine Grundabsicherung für jeden Menschen geben soll, dann muss ein solches Modell auch angrenzende Themenbereiche wie etwa die Regionalwirtschaft oder ökologisch/nachhaltige Kriterien beinhalten, soll also gewissermaßen möglichst viele der nervigen Gegenwartsfliegen mit derselben Klappe zu schlagen in der Lage sein.

In meiner Kolumne im Hunsrückspiegel ist dazu Anfang November folgender Artikel erschienen:


Über das garantierte Minimum - Teil 1

Seit etlichen Jahren schon wird über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, abgekürzt BGE, diskutiert. Ein fester Betrag pro Monat für jeden Menschen in Deutschland soll die Existenz sichern und eine Mindestteilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Bedingungslos bedeutet dabei: Man bekommt es garantiert, egal ob man gar nicht, wenig oder in Vollzeit arbeitet.
Die unterschiedlichen Modelle dazu, von Parteien, Unternehmern, Verbänden und Anderen, unterscheiden sich vor allem in der Betragshöhe, in der vorgeschlagenen Finanzierungsart und in möglichen Auswirkungen. Doch, um es vorweg zu nehmen: Innerhalb des gegenwärtigen Wirtschaftssystems und seiner absurden Logik sind alle diese Modelle zu kurz gedacht.
Die Finanzierung erfordert einen gefährlichen Umbau des Sozial- und Steuersystems. Die Sache ist nicht auf Wechselwirkungen hin durchdacht und geht für jene, die eigentlich davon profitieren sollten, am Ende nach hinten los.

Dabei ist die Grundüberlegung schon sehr reizvoll. Zu allen Freiheitsrechten, die Menschen sich über etliche Hundert Jahre hinweg teilweise blutig erkämpfen mussten, wie etwa das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Gleichheit vor dem Gesetz, freie Meinungsäußerung, persönliche Freiheit, usw., könnte jetzt in logischer Folge auch das Recht auf ökonomische Sicherheit folgen. Die wirtschaftliche Produktivität heute ist so weit gestiegen, dass ein solcher Grundstock für jeden eigentlich realistisch wäre.

Was mit dieser Sehnsucht zusammenhängt, wissen wir doch alle. Um den finanziellen Grundstock für sich zu erarbeiten, um also den Job zu erfüllen, müssen sich die meisten Menschen ziemlich verbiegen, müssen unangenehme Sachen tun, sich quälenden Situationen ausliefern und dürfen nahezu nichts zur Verbesserung ihrer Lage beitragen. Am Liebsten würden sie etwas ganz anderes machen, was aber leider nicht bezahlt wird.
Wer aussteigt oder seine Arbeit verliert, den schützt zwar das soziale Netz vor der größten Not. Doch wer es braucht, ist unfrei, muss sich rechtfertigen, wird gegängelt, fremdbestimmt oder darf nicht nebenbei arbeiten. Menschen mit oder ohne Arbeit, die zu wenig Geld haben, bzw. nie wissen, ob morgen genügend da ist, leben sogar in ständiger Angst.

Früher hieß es mal: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen." Erich Fromm schrieb dazu: "Diese Drohung zwang den Menschen, nicht nur so zu handeln, wie von ihm verlangt wurde, sondern auch so zu denken und zu fühlen, daß er nicht einmal in Versuchung geriet, sich anders zu verhalten."
Für Menschen, die das verinnerlicht haben, ist Arbeit der oberste Lebenssinn, und manche neigen auch dazu, über sozial Schwache zu hetzen. "Eine Psychologie des Mangels erzeugt Angst, Neid und Egoismus", sagt Erich Fromm. Und so wählen diese Leute am Ende dann noch solche Parteien, die jenes wirtschaftliche Prinzip repräsentieren, das den realen und auch den suggerierten Mangel als Motor für Wirtschaftswachstum braucht.

Manche Gegner des BGE befürchten, dass Leute mit gesichertem Grundstock nicht mehr arbeiten würden und die Gemeinschaft das Nichtstun finanzieren muss. Aber ist das nicht jetzt schon so? Auch in Deutschland ist doch für einen wachsenden Bevölkerungsteil überhaupt keine Arbeit mehr vorhanden. Nur etwa 38% der Bevölkerung ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Und auch viele Vollzeitstellen sichern nicht mehr den Lebensunterhalt.
Reiche aber, die von Kapitalerträgen leben, genießen ganz legal leistungsloses und schuldnerfinanziertes Einkommen.

Tatsache ist: Die Qualität der Arbeit ist entscheidend für die Bereitschaft dazu. Bezahlung ist doch nicht das einzige Motiv. Da gibt es noch die Freude an der Arbeit, die Lust etwas umzusetzen, den Stolz etwas zu können, die Anerkennung durch andere Menschen, die Gewissheit, gebraucht zu werden, usw.
Immer mehr Leute wünschen sich nichts sehnlicher als stabile und bedingungslose ökonomische Sicherheit, und sei es auch nur auf niedrigem Niveau. Deshalb sind auch die BGE-Befürworter so zahlreich.

Machen wir uns aber nichts vor: Da lauern noch ganz andere. Wieso wird die Idee denn in marktradikalen Kreisen so gut aufgenommen? Deren Traum, die Abschaffung des Sozialsystems, ließe sich mit der Verschmelzung von Sozialversicherungen und steuerfinanzierten Leistungen zu einem BGE ganz elegant umsetzen. Auch eine Mehrwertsteuererhöhung auf 66 bis über 100%, mit der ein Drogeriekettenbesitzer sein Modell bezahlen will, würde fatal wirken. Die Mehrwertsteuer ist die Hauptsteuer der Endverbraucher. Unternehmen haben damit wenig zu tun.

Nichtsdestotrotz bleibt die Forderung nach dem Recht auf ökonomische Sicherheit bestehen. Nur muss dafür ein anderer Ansatz her, einer, der die Denkgrenzen des derzeitigen Wirtschaftssystems verlässt und über die pure Ausstattung mit Bargeld hinaus noch andere Fliegen mit derselben Klappe schlagen kann.

Oktober 2015:

Über Krisenwährung

Eines der schlimmsten Krisenphänomene ist es, wenn dem Geld seine gewohnte Funktion abhanden kommt. Entweder es verliert seinen Wert, und alles verteuert sich galoppierend. Oder, warum auch immer, es ist zu wenig da, und Löhne, Renten und Sozialleistungen können nicht mehr ausgezahlt werden.
Mittlerweile gibt es auch Mischerscheinungen aus beidem, die nicht mehr mit den alten Begriffen Inflation und Deflation zu erklären sind. Als Grund für die wachsende Unkalkulierbarkeit im Bereich Währungen und Geldtransaktionen steht die "Globalisierung" des Finanzmarktes, also die Konzentration des Geldes bei immer mächtiger werdenden Finanzunternehmen.

In Griechenland wollte Finanzminister Varoufakis dieser multinational gesteuerten Willkür unter anderem auch eine griechische Zweitwährung entgegensetzen. Bei all dem Mobbing, das dieser Mann einstecken musste, sind seine genialen Ideen völlig untergegangen. Auch seine linken Regierungskollegen hatten nicht wirklich kapiert, welches Potential dieser Mann besaß.
Es lohnt sich, etwas genauer über die mögliche Form einer Zweitwährung nachzudenken.

Realistisch betrachtet war die Drohung von Schäuble, Griechenland aus dem Euro auszuschließen ein großer Bluff. Denn, falls der Euro in Griechenland weiter gültig geblieben wäre, hätte man ihn dort gar nicht raus bekommen. Nach wie vor wäre er über Handel, Tourismus und andere Vorgänge als Scheine und Überweisungen nach Griechenland hinein und hinaus geflossen.
Für viele Importe und den Binnengeldverkehr aber wäre es ohne Euronachschub mittels Exporten und neuen Großkrediten eng geworden. Der Zusammenbruch Griechenlands hätte dann in den kleinen Strukturen begonnen, im Regionalhandel, bei Dienstleistungen und im sozialen Sektor.

Genau hier bekommt die Zweitwährung Bedeutung. Beim Nachdenken über deren Eigenschaften muss man sich von einigen gewohnten Vorstellungen bezüglich Geld lösen. Geld war ursprünglich nur ein Mittel, um den Tauschhandel zu vereinfachen. Im Grunde tauschen wir auch heute noch, nur nicht mehr eine Ware gegen eine Ware, sondern eine Ware in Geld und das Geld wieder in eine Ware. Geld ist in erster Funktion also lediglich ein praktischer Umweg für den Tausch.
Allerdings besitzt Geld in der üblichen Form auch etliche negative Eigenschaften. Weil es Zinsen abwirft und völlig losgelöst von der Tauschfunktion viel effektiver über Geldgeschäfte vermehrt werden kann, wurde Geld zu einem Machtinstrument über Dritte, vom Einzelnen bis zu ganzen Staaten.

Würde man Geld aber mit festen Negativzinsen, also einem Verfallsdatum versehen, sähe die Sache völlig anders aus. Die Vorteile eines solchen "Schwundgelds" hatte im 19. Jahrhundert schon der Ökonom Silvio Gesell beschrieben. Die Hortung von Geld würde unattraktiv, und man hätte eine vollautomatische Umlaufsicherung.

Entsprechend hätte die Einführung einer "NeoDrachme" als Zweitwährung in Griechenland etwa so aussehen können: Jeder im Land lebende Mensch bekommt pro Monat 800 ND (Höhe des Existenzminimums) bedingungslos ausgezahlt. Diese 800 verlieren in jedem Monat etwa 4% ihres Anfangswertes, so dass sie in 2 Jahren verfallen sind. Alle Geschäfte mit den 800 ND sind abgaben- und steuerfrei, brauchen somit keine Bürokratie. Zum Ausgleich erhalten Staat (in Höhe sonst üblicher Steueranteile) und Kommunen (entsprechend der Einwohnerzahl) ebenfalls Neodrachmen, sagen wir einmal 25% der verteilten Gesamtsumme.
Jeder wäre jetzt bestrebt, dieses Geld möglichst auszugeben, und weil Steuerbelastung und Kontrolle wegfielen, würden Angebot und Nachfrage nach Produkten, die ohne Euroeinsatz und Rohstoffe aus dem Ausland bereitzustellen sind, also einfache Dienstleistung und Handwerk, Regionalproduktion, bäuerliche Landwirtschaft usw., sprunghaft ansteigen.

Die Leute würden zwar nicht reich, aber sie blieben versorgt, fänden neue Arbeit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Sogar die Kommunen bekämen wieder Handlungsspielräume und könnten ihren Währungsanteil für etliche liegengebliebene Investitionen einsetzen, sofern die Arbeitskräfte und das Material dafür aus dem Umland kommen.
Laut dem belgischen Währungsexperten Bernard Lithaer ist solch eine Zweitwährung innerhalb von drei Tagen zumindest elektronisch umsetzbar. Eine entsprechende Software bildet die Neo-Zentralbank, und das Handy oder der PC sind das eigene Konto. Leute ohne Internet müssten sich helfen lassen, bis papierne Neo-Drachmen gedruckt sind.
Die griechische Arbeitsstunde in Euro würde sich ohne soziale Härten verbilligen lassen, was Produzenten aus dem Ausland anlocken würde, denen schließlich auch der Euro folgte. Spätestens dann wären Schäuble und Konsorten vor Wut geplatzt, aber - Tsipras hats leider vorher verbockt.


September 2015:

Über das Dilemma der europäischen Linken

Linke oder rechte Parteien in Europa treten heutzutage deutlich moderater auf als in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts. Sie wollen den in der Nachkriegszeit aufgebauten Grundstock an Frieden und Absicherungen nicht gefährden.
Dessen Bewahrung allerdings wird zunehmend unsicherer. Die Finanzkrise von 2008 wurde mit Billionenbeträgen nur zugeschüttet, so wie ein havarierter Atomreaktor mit gigantischen Mengen an Beton. Darunter gärt es kräftig weiter, dies muss uns klar sein, bis zum nächsten Ausbruch, ja womöglich sogar bis zum Zusammenbruch all dessen, was wir zur Aufrechterhaltung von Frieden und Absicherung benötigen.

Eigentlich ist ziemlich klar, was denn zu tun wäre. Finanzkrisen entstehen uns, weil erstens das Weltfinanzsystem keinem der Allgemeinheit dienlichen Ordnungsrahmen unterworfen ist, und zweitens, weil die Industriegesellschaften ihren materiellen Wohlstand nur mit immer höheren Schulden finanzieren können.
Dazu kommen die sozialen, die ökologischen und die politischen Probleme: Der Kapitalismus/Neoliberalismus MUSS immer mehr Menschen in die soziale Schieflage und die Abhängigkeit von Alimentierungen verschieben, MUSS die natürlichen Lebensgrundlagen (die Umwelt) immer weiter zerstören, und MUSS die ärmeren Länder der Welt ausbeuten und destabilisieren. Könnte er das nicht, wäre er am Ende. Es geht also um nichts weniger, als darum, dieses umfassend verbrecherische Wirtschaftssystem zu überwinden.

Von den sogenannten bürgerlichen Parteien ist da aber nichts zu erwarten. Stur strukturkonservativ und latent rechts ausgerichtet ist ihr erstes Anliegen die Beibehaltung von bestehenden Machtverhältnissen und Wirtschaftsprioritäten. Die sogenannten Sozialdemokraten sind nur in der Opposition ein bisschen links. In Regierungverantwortung stützen sie dann stets bereitwillig jene Strukturen, deren soziale Fehlwirkungen sie vorher beklagten. Um die Gemeinsamkeit der beiden großen politischen Blöcke in Europa auf den Punkt zu bringen: Sie sind "subventionistische" Parteien, soll heißen: Statt den Ordnungsrahmen der Wirtschaft radikal zu straffen, bis das System wirklich dem Gemeinwohl dient, subventionieren sie es lieber und pumpen permanent den größten Teil des Volksvermögens in die Kaschierung seiner auffälligsten Nebenwirkungen.

Und genau hier liegt auch das Dilemma jener Politiker in Europa, die als ernstzunehmende Kraft im Parteienspektrum noch übrig bleiben: die "Neuen" Linken, die sich sehr klar von orthodoxen Kommunisten abgrenzen und die wertkonservativ-alternativen Parteien. Auch sie sind bisher nicht mit schlüssigen Konzepten aufgefallen und wollen bis jetzt lediglich mittels Umverteilungen von oben nach unten einerseits die sozial Schwachen und andererseits die Umwelt subventionieren. Dies aber ist kein zukunftstaugliches Konzept.
Wo bleibt denn das "alternative soziale und politische Modell zum Kapitalismus", das die europäische Linke vor 11 Jahren angekündigt hatte? Der neu gewählte linke Bürgermeister in einer spanischen Kleinstadt mit 30% Arbeitslosigkeit wurde von einem Reporter gefragt, was er denn jetzt tun wolle, wo doch die Wähler diesmal auf Podemos, statt auf die Bürgerlichen gesetzt hatten.
Was dann kam, ist bezeichnend für die gesamte Opposition in Europa: Er hakte lediglich altbekannte Schlagworte wie "Beschäftigungsprogramm finanzieren, Familien bezuschussen und Wirtschaftswachstum ankurbeln" ab. Ebenso Jeremy Corbyn, der Oskar Lafontaine der britischen Labour-Partei, vor dem der frühere Labour-Chef Toni Blair eindringlich warnt. Er hat gute Chancen, neuer Labour-Spitzenkandidat zu werden, aber er hat keinerlei wirklich neue Ideen.

Am deutlichsten wird das Problem bei Syriza in Griechenland. Die wussten zunächst auch nur generell Nein zu sagen zu den Forderungen der mächtigen Gläubiger, bis dann der Vorsitzende Tsipras Ende Juli vor der Übermacht aus europäischen Rechten und eifersüchtigen "Sozialdemokraten" einknickte. Schade, dass man jetzt nicht mehr erfährt, was der abgesetzte Finanzminister Varoufakis mit ein paar Vertrauten geplant hatte, um an die Gelder der griechischen Steuerhinterzieher zu kommen, um den politisch-wirtschaftlichen Klientelismus in Griechenland zu bekämpfen und natürlich um Griechenland aus dem Würgegriff von EU und Finanzkonzernen zu lösen. Das wichtigste nämlich bei der sogenannten Griechenlandrettung war für die europäischen Altparteien, einen Erfolg für die Neue Linke in jedem Fall zu verhindern.

Also: Solange die Linken, die Wertkonservativen, die Linkskonservativen (hierzu wird auch der amtierende Papst Franziskus mit seiner Kapitalismuskritik gezählt) und die Alternativen kein schlüssiges Konzept für einen dritten Weg, für ein wirklich nachhaltiges Wirtschaftssystem präsentieren können, wird auch das nächste Mal David gegen Goliath verlieren.

Juli 2015:

Über die Verwendung des Begriffs Nachhaltigkeit

Mein Namensvetter Hans Carl von Carlowitz, ein vorausschauender
Oberberghauptmann im 17ten bis 18ten Jahrhundert benutzte vor gut 300 Jahren
den Begriff Nachhaltigkeit zum ersten mal, um damit eine Forstwirtschaft zu
beschreiben, in welcher nicht mehr Holz geschlagen werden sollte, als nachwächst.
Aus dieser ursprünglichen Bedeutung wird schon sehr überzeugend deutlich, was
Nachhaltigkeit eigentlich aussagt. Carlowitz dachte an 100%. Wenn schon 1 % mehr
Holz eingeschlagen würde, als nachwächst, wäre dies nach Carlowitz nicht
nachhaltig.

Heute wird der Begriff Nachhaltigkeit über die Forstwirtschaft hinaus auch in den
meisten anderen gesellschaftlichen Bereichen mehr oder weniger treffend
angewendet. Im Gegensatz zur Feststellung, dass es bezüglich Nachhaltigkeit
eigentlich keinen Interpretationsspielraum gibt, kommen in den modernen
Verwendungsarten dieses Begriffs immer erstaunlichere Abweichungen von der
Ursprungsbedeutung vor. Seit 1972, seit in der Studie „Grenzen des Wachstums“ der
Menschheit drastisch vor Augen geführt wurde, dass ihre Art des Wirtschaftens
erheblich mehr ihrer natürlichen Lebensgrundlagen verbraucht, als sich neu bilden
können, ist der Begriff Nachhaltigkeit in aller Bewusstsein. Die Partei der Grünen
kam im Zuge dieser Diskussion in den Rang einer Parlamentspartei. Die Altparteien
bemerkten, dass sie in ihren Programmen zumindest grüne Ecken einfügen mussten
um auszudrücken, sie hätten verstanden.
Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht geschützt, entfaltet aber verwendet als bloßes
Etikett enorme aufhübschende Wirkungen für das Image des Etikettierers, ja man
kann auch sagen, enorm betäubende Wirkungen auf dessen Klientel. Völlig absurd
klingt es dann, wenn etablierte Parteien ihre Politik als nachhaltig bezeichnen. Im
Prinzip haben ja genau sie, mit ihrer traditionell favorisierten und weltweit vorherrschenden Vorstellung des Wirtschaftens jenen Zustand erst verursacht, den
die Studie „Grenzen des Wachstum“ vorfand.

Entfernt verwand mit dem Begriff Nachhaltigkeit ist der Begriff Ökologie. Auch er
kommt ursprünglich aus der Natur und steht für die äußerst vielfältigen und kaum
überschaubaren Beziehungen und Wechselwirkungen lebender Organismen
untereinander oder im Bezug zu ihrer unbelebten Umwelt. Eine wichtige ökologische
Erkenntnis beispielsweise ist, dass jeder Eingriff des Menschen in die Natur, nicht
nur das Beabsichtigte ändert, sondern in ganz unterschiedlichen Dimensionen,
zeitlichen, räumlichen oder individuumsspezifischen, auch alles andere dort
Befindliche mit. Dies kann unwesentlich sein, aber auch sehr gravierend. Ein
Ökosystem ist dementsprechend ein Raum, geprägt von bestimmten unbelebten
Faktoren wie Boden, Klima und Wasserverfügbarkeit, in welchem eine ganz
bestimmte Zusammensetzung von Lebewesen existiert. Sofern keine Änderung der
Grundbedingungen von außen oder auch von innen erfolgt, ist es eine dauerhaft
stabile Gemeinschaft. Nachhaltig wäre es dann für diese Gemeinschaft, alles zu
vermeiden, was die Grundbedingungen ändert, vorausgesetzt, es existiert in ihr ein
Bewusstsein dieser Zusammenhänge und die Fähigkeit zu handeln.

Damit wären wir beim Menschen als Teil der Natur, denn nur dieser ist in der Lage
eine optimale Situation als eine solche wahrzunehmen und für ihre Erhaltung
einzustehen. Von der Natur in den Bereich der Gesellschaft übertragen bekommt das
Wort ökologisch dann seine moderne Bedeutung. Der Mensch ist zwar nicht wie ein
Amphibium, welches die Lebensgrundlagen verliert, sobald ihm jemand den Teich
abgelassen hat. Der Mensch ist der wohl anpassungsfähigste höhere Organismus,
jedoch auch er braucht ganz spezifische Bedingungen um leben zu können, besser
gesagt, um so leben zu können, dass das Leben nicht aus Unmengen von Lasten
besteht. Er hat seine eigenen ökologischen Notwendigkeiten und tut gut daran, diese
zu erhalten. Bei allem was er tut, sollte er auch die nicht beabsichtigten Folgen für
seine Mitmenschen und für seine Umwelt, für die unbelebte wie die belebte, stets im
Auge behalten. Mittlerweile hat wohl auch der stumpfsinnigste Homo Konsumens
verstanden, dass er als „natürliche Lebensgrundlagen“ mehr braucht als seine
Erwerbsarbeit, seine Wohnung, seinen Supermarkt und sein Smartphone.

Wenn die Gesellschaft sich weiterentwickelt, muss sie dies schon aus purem
Eigeninteresse nachhaltig tun. Laut Definition des „ Lexikons der Nachhaltigkeit “
umschreibt der Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ „eine Entwicklung, die den
Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, und dabei die Möglichkeiten
zukünftiger Generationen nicht einschränkt “. (Genaue Definition im Brundtland-
Report von 1987: “ Sustainable development meets the needs of the present without
compromising the ability of future generations to meet their own needs “.)
Doch sofort nach diesem Satz beginnen die Schwierigkeiten. Was sind denn diese
„Bedürfnisse der heutigen Generation“ überhaupt? Sind hiermit die elementaren
Grundbedürfnisse gemeint, die einen Menschen vor Hunger, Obdachlosigkeit, Kälte,
Verwahrlosung und anderen schlimmen Unbillen bewahren? Oder sind diese
Bedürfnisse schon orientiert an einem moderneren zivilisatorischen Standard, an
durchschnittlichen westlichen Konsumgewohnheiten, an bestimmten
Wohlstandsmerkmalen? Das Erstere wird es wohl nicht sein, weil diese untersten
Grundbedürfnisse ein festes Maß besitzen und in einer Definition wie oben nicht zur
Verwendung taugen. Dann allerdings können die „Bedürfnisse der heutigen
Generation“ nach Beliebigkeit definiert werden. Im Verständnis eines gewöhnlichen
Politikers etwa werden sie im geringsten Falle wohl die alltäglichen Bedürfnisse eines
europäischen Durchschnittsbürgers wiederspiegeln. Doch kann die heutige
Generation sich die Definition der ihr zustehenden Bedürfnisse überhaupt selbst
aussuchen? Würde sie sich in dem Falle nicht immer mehr nehmen als ihr zusteht?
Die Beziehungen zwischen den Folgen heute üblicher Bedürfnisbefriedigung und
den Beeinträchtigungen zukünftiger Möglichkeiten sind derart gewaltig, dass man
eigentlich für den Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ umgekehrt formulieren müsste:
„eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der heutigen Generation streng an der
hundertprozentigen Nichteinschränkung der Möglichkeiten zukünftiger Generationen
orientiert.“

Da die Generationen ineinander übergehen und unsere Kinder und Enkel als „unser
Fleisch und Blut“ kaum als andere Menschengruppe gesehen werden können, ist es
doch im Grunde gar nicht zu trennen was diese Bedürfnisse der heutigen
Generation einerseits und die Möglichkeiten jener danach angeht. Das Kapital aus
natürlichen, sozialen, politischen und finanziellen Lebensgrundlagen kann doch nicht
zerfieselt werden in Zeitabschnitte. Nachhaltig handeln heißt hier, entsprechend
Carlowitz Forderung, nur den Holzzuwachs zu schlagen, nicht aber den Wald, dass
wir nur von den Zinsen leben dürfen, aber nicht vom Kapital. Dieses nämlich gehört
uns nicht, sondern der Menschheit. So muss eine nachhaltige Entwicklung die
Bedürfnisse der heutigen Generation genau danach orientieren, welche „Zinsen“
überhaupt verfügbar sind.

Weil dieses Missverständnis in der erstmaligen Definition von „nachhaltiger
Entwicklung“ im Brundtland-Report offenbar nicht aufgefallen ist, können wir die
Jahreszahl 1987 als den Beginn des Missbrauchs und der Pervertierung des Begriffs
„Nachhaltigkeit“ festlegen. Dies setzt sich durch sämtliche folgenden internationalen
Konferenzen und Abkommen, angefangen bei der Rio-Konferenz von 1992, den
Merkmalen der dort verabschiedeten Agenda 21 und der Klima-Rahmenkonvention,
über die Kyoto-Konferenz 1997 bis in die Politik unserer heutigen Zeit fort.
Wenn ich in meinen Artikeln von nachhaltig spreche, meine ich dies stets im
strengen Sinne Carl von Carlowitz, ohne wenn und aber. Ich meine nicht das etwas
naive Verständnis von Nachhaltigkeit, wie es in der Lohas-Szene (Lohas ist die
Abkürzung für „Life Of Health And Sustainability“, übersetzt: „Gesund und nachhaltig
leben“) von vielen gerne bezüglich ihres etwas weniger umweltschädlichen Konsums
propagiert wird. Ich meine auch nicht die anmaßende Übernahme von nachhaltig, als
Charakterisierung grüner Parteipolitik. Und ich meine schon gar nicht jene
Interpretationen von Nachhaltigkeit, die Altparteien, Regierungspolitiker oder EU-
Bürokraten auffahren, um ihren abermals hervor gebrachten alten Käse modern
klingen zu lassen.

Dazu noch: Im Jahr 2013 war am 20. August nach Berechnungen des WWF
„Welterschöpfungstag“. Sämtliche natürlichen Ressourcen für das laufende Jahr sind
an diesem Tag aufgebraucht. Alles was die Menschheit bis zum Jahresende noch verbraucht,
kann der Planet nicht mehr regenerieren oder zur Verfügung stellen.
Der Welterschöpfungstag fällt seit 30 Jahren in jedem Jahr auf ein früheres Datum,
weil die weltweite Wirtschaft immer schneller und gieriger die Ressourcen der Erde
verbraucht. Mit obigem Beispiel ausgedrückt hieße dies: Am "Welterschöpfungstag" sind die Zinsen ausgegeben, die das Menschheitskapital der derzeitigen Generation für das jeweilige Jahr
zugeteilt hat. Ab dem 20. August bis zum Jahresende bediente sich im Jahr 2013 die Menschheit am Kapital selbst. 2014 lag dieses alarmierende Datum wieder ein Tag früher, nämlich am 19. August. In diesem Jahr ist es durchaus möglich, dass der Sprung zurück über zwei Tage geht, dass der "Welterschöpfungstag" auf den 17. August fallen wird.

Juni 2015:

Übers Miteinander-Reden

Die Fähigkeit zum Miteinander-Reden unterscheidet die Menschen von allen anderen Lebewesen. Jedoch: Weil wir es können, müssen wir es auch. Die meisten unserer Angelegenheiten, ob nun den Einzelnen oder eine ganze Gruppe betreffend, lassen sich nur mittels eines angemessenen Gesprächs zu einem guten Ergebnis bringen.
Keineswegs muss ein Gespräch einen ernsten Zweck haben. Es kann einfach nur Unterhaltung, Austausch oder Nachbarschaftspflege sein. Manche Gespräche aber sind wichtiger als andere und sollten gewisse Rahmenbedingungen einhalten.

Ein anschauliches Beispiel für wichtige Gespräche über Angelegenheiten der Gesellschaft wurde Anfang Juni auf Schloss Elmau geboten. Sieben Regierungschefs trafen sich, um, wie es hieß, über Weltprobleme zu reden. Mal abgesehen von den horrenden Kosten des Events und anderer Kritik, bleibt die Frage: War für die G7-Gespräche überhaupt ein Ergebnis geplant?
Das Mindeste wäre gewesen, alle Betroffenen der anzusprechenden Probleme auch einzuladen. Der russische Präsident aber war ausgeschlossen, weil er sich erdreistet hat, den transatlantischen Neoliberalismus bei dessen "Demokratiesteuerung", Markterschließung, Landgrabbing und Rohstoffvereinnahmung in der Ukraine zu stören.
Ebenso hätten mindestens China, Indien und Brasilien noch mit an die Tische gehört, um Ergebnisse zu bekommen. So jedoch waren Lösungen von vorne herein ausgeschlossen.

Entscheidender aber war der begrenzte Gesprächsrahmen, der besagt: Das ökonomische System ist heilig, sozusagen das"goldene Kalb" der Gegenwart. Über es hinaus zu denken ist für die globalen Geschäftemacher nicht diskutabel. So kehrten sie wiedermal unter den Tisch, dass sämtliche als Krisen bezeichneten Erscheinungen direkte oder indirekte Folgen dieses aggressiven Systems sind.
So darf das System weiterhin völlig ungezügelt jeden und alles nach maximalem Profit aussaugen, und die dadurch weltweit sich auftürmenden Verbrechen an der Zukunft erfolgreich zerreden. Noch werden Mutti Merkel und die 6 Hampelmänner auch gänzlich ohne Ergebnis mit Ruhm, Ehre und fetten Gehältern überschüttet.
So war G7, ebenso wie Klimakonferenzen, G20 oder Treffen zu anderen globalen Themen lediglich eine weitere Wahlkampfshow der Welt-Politprominenz. Noch wählen genügend dumme Kälber ihre Schlachter selbst und die ihrer Nachkommen gleich mit. Haben die schon einmal etwas von einem gewissen Papst Franziskus gehört, der in seiner am 18. Juni veröffentlichten Umwelt-Enzyklika den Kapitalismus abermals als verbrecherisch, als Ursache von Kriegen und Elend bezeichnet?

Schluss mit dem Geschwafel von Krisen, welches suggeriert, sie wären vorübergehend. Was wir erleben, ist ein stabiler Niedergang, eine Fahrt in den Endzustand ausgesaugter Lebensräume. Besser wird es nicht mehr. Das Gespräch unter Politikern als Mittel zur Problembewältigung funktioniert nicht mehr, weil die wahre Ursache aller Probleme tabu ist. Eine nachhaltige Lösung, also eine Heilung ist ausgeschlossen.

Wie aber ist es im Kleinen, wo doch der Kapitalismus nicht nur die äußere Welt, sondern auch unser Denken, die Moral, das Bewusstsein, ja das ganze Menschsein beeinträchtigt? Wie stehts mit dem Gespräch zwischen zwei Menschen, jenseits von Smalltalk und Äußerlichkeiten, von Tratsch oder angepasstem Nachplappern?
Wie steht es mit dem tiefer gehenden Gespräch unter vier Augen, mit dem Sich-Jemandem-Anvertrauen, jemanden um Rat bitten, jemandem seine innersten Sorgen und Nöte offenbaren, jemanden ins Vertrauen ziehen? Geht dies heute noch in Zeiten, wo man Stärke zeigen muss, weil man Angst hat, sonst unter den Zwängen wirtschaftlicher Anforderungen zu verlieren? Man hat zwar Bekannte, aber kann man diesen auch seine innersten Selbstzweifel und Ängste mitteilen?
Finden wir in Zeiten der Konsumwut, der medialen Allzeitberieselung, des Egoismus, der Angeberei und der Verhaltenszwänge noch jemanden, der uns wirklich zuhört?

Und um an das Thema des letzten Beitrags anzuknüpfen: Was bleibt vom psychosomatischen Ansatz, nach welchem körperliche Krankheiten meist im Kopf und mit psychischer Belastung beginnen? Hier können frühzeitig nur entsprechende Gespräche mit einer befähigten Vertrauensperson helfen. Hausärzte jedoch werden dafür nicht bezahlt. Psychologen sind rar, haben lange Wartelisten, und die Hemmschwelle ist hoch. Mitfühlende und behutsame Gesprächspartner, die Zeit haben und geduldig zuhören können, ja gewissermaßen Gesprächstherapeuten aus Passion, sind heutzutage selten geworden.
In Reichtum und Wohlstand verlieren wir immer mehr ein uraltes Instrument der Menschheit, welches Heilung bringen kann: Das ernsthafte Gespräch ohne Denkverbote, im Großen, wie auch im Kleinen.

Mai 2015:

Über das schwierige Gesundbleiben

Jeder der krank ist, will wieder gesund werden. Aber nicht jeder, der gesund ist, achtet auch darauf nicht krank zu werden. Dazu müssten die Menschen eine ausreichende Kenntnis über die Ursachen des Krankwerdens besitzen, was nur bei den wenigsten der Fall ist. Ja selbst das Wissen um diese Ursachen bedeutet noch nicht, dass man ihnen auch aus dem Weg geht. Durch ganz normale gesellschaftliche Gewohnheiten bis hin zu verschiedenen Formen von Sucht werden Menschen verleitet, Dinge zu tun und Stoffe zu konsumieren, die der Gesundheit schaden. Auch gehen allerlei Belastungen und Emissionen von Dritten aus, gegen die man sich schlecht wehren kann.

Der Staat jedenfalls, so sollte man meinen, möchte seine Bürger möglichst gesund halten. Wurde nicht dafür das sogenannte Gesundheitssystem geschaffen? Je nachdem, welche Partei gerade das Ministerium besetzt, welche Lobby Einfluss nimmt, welche Themen gerade aktuell sind, welche Defizite nicht mehr zu vertuschen sind oder welche Finanzierungszwänge gerade hochkochen, wird dieses System mal hier hin, mal dort hin "reformiert".
Bei genauer Betrachtung ist unser "Gesundheitssystem" eher ein Krankheitsbehandlungssystem. Natürlich ist es als Versicherung für den Ernstfall besser als nichts, aber wäre es nicht effektiver, angenehmer und kostengünstiger, wenn das Hauptziel die Gesundheitserhaltung statt die nachgeordnete Wiederherstellung wäre?

Viele Anzeichen lassen vermuten, dass dies gar nicht gewünscht ist. Hat die hohe Politik jemals in den letzten Jahrzehnten etwas wirklich Konsequentes in diesem Bereich beschlossen und Gefahren für die Gesundheit frühzeitig beseitigt? Der aktuelle Dilettant im Amt des Gesundheitsministers veranstaltet ebenfalls nur kurzatmige Symbolpolitik. Gerade tut er so, als könne man mit bürokratischem Aktionismus gegen die Gefahr resistenter Krankenhauskeime vorgehen. Dabei sind die Ursachen dieser Problematik schon seit über 20 Jahren bekannt: ungezügelte Verordnung und falsche Einnahme von Antibiotika, deren überbordender Einsatz in der Tiermast, auch schwierige Abbaubarkeit und dadurch Restbelastungen in vielen Lebensmitteln und Trinkwasser, usw.

Auch in anderen Branchen wird, politisch unterstützt, erstmal zum Schaden der Volksgesundheit Profit gemacht.
Lebensmittelkonzerne verfolgen das betriebswirtschaftliche Ziel, dass Kunden immer mehr ihrer Produkte verspeisen sollen. Die entsprechende Werbung, Fertiggerichte, Geschmacksverstärker und Zucker machen es möglich. Ähnlich die Getränkeindustrie: Mit steuerlich absetzbaren Videospots werden unbedarfte Verbraucher zum Konsum von Cola, Energy-Plörre und anderer Zuckerbrause verleitet. Die europäische Fleischindustrie wirbt für den verstärkten Verzehr ihrer Schlachtprodukte. Oft stammen sie aus sehr zweifelhaften Mast- und Fütterungsverhältnissen.
Fachleute sagen, die ernährungsbedingten Krankheiten in Deutschland hätten bereits einen Anteil von mehr als 60 Prozent. Die Kollateralschäden der Ernährungsindustrie gehen also ganz legal zu Lasten der Allgemeinheit.

Die Kosmetikindustrie verkauft immer erfolgreicher auch Jugendlichen und Männern ihre zweifelhaften Cremes, Sprays und Wässerchen. Immer mehr Menschen duschen zu oft, hübschen sich auf, rasieren sich überall, schmieren sich ein und bringen mit nutzlosen "Pflegeprodukten" auch Konservierungsstoffe und Allergene auf ihre Haut. Und noch nie gab es so viele Menschen mit Hautkrankheiten wie heute.
Wieder andere Branchen machen krank, weil ihre Produkte körperliche Bewegung einsparen, wie die Auto- und die Geräteindustrie, oder verleiten zum stundenlangen Stillsitzen bei Fernsehen und PC-Spielen.

So gilt in unserem Wirtschaftssystem also für die Volksgesundheit das gleiche wie für die Umwelt: Zuerst an einer Beschädigung verdienen und dann wiederum an einer Reparatur, sofern überhaupt möglich. Bloß keine Vermeidung, denn dabei ließe sich nicht doppelt profitieren.
Die meisten Bürger machen bereitwillig mit, obwohl sie diesen Quatsch ja zweimal bezahlen müssen, einmal mit den entsprechend überzogenen Kassenbeiträgen und oft auch mit ihrer Gesundheit.

Wer gesund bleiben will, der muss sich dem entziehen, sich besonders informieren und bewusst einkaufen. Ja er sollte den Konsum der Mehrheit und die zugehörige Werbung besser als Warnung ansehen, statt als Empfehlung.
Nicht so einfach allerdings ist es, jene ebenfalls täglichen Belastungen abzuwehren, die auf unsere Psyche wirken. Deren Folgen können sehr wohl auch körperlich werden und sind gewiss bedeutender, als es die Schulmedizin noch einschätzt. Bis die Psychosomatik aber in die Gesundheitspolitik einfließt, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen.

April 2015:

Über das Mähen

Es ist soweit. Mit den steigenden Temperaturen wächst auch Gras und Kraut um unsere Häuser herum zunehmend stärker: Es muss wieder gemäht werden. Die Rasenfläche neben der Terrasse soll möglichst dichtes, kurzes Grün haben, für die Liegestühle, die Kinder oder die Grillparty. Das sogenannte Unkraut darf zwischen den Gehölzen, am Grundstückrand und in den Gartenecken nicht überhand nehmen. So wird die Gartenzeit auch zur arbeitsintensiven Zeit, und wer pingelig ist und seinen Garten möglichst "sauber" haben möchte, der ist jetzt bis Ende Oktober ständig gefordert.

Wie selbstverständlich wird heutzutage das Mähen mit motorbetriebenen Geräten erledigt. Bis 1956, als der erste Benzin-Sichelmäher auf den Markt kam, wurde die Rasenpflege ausschließlich mit mechanischen Spindelmähern und Handsensen betrieben. Ab den 1980er Jahren kamen die sogenannten Motorsensen und Freischneider und vor 10 Jahren die Aufsitzmäher dazu.

Seitdem geht es beim Mähen sehr laut in unseren Gärten zu, und es werden enorme Mengen giftige Stoffe, CO2 und andere Abgase, Kohlenwasserstoffe und Feinstäube freigesetzt. Bei ca. 5 Millionen benzinbetriebenen Rasenmähern in Deutschland und knapp einer Million Motorsensen, Tendenz weiter steigend, ist über die Saison hinweg einiges gefällig.
Laut Umweltbundesamt verursacht das Mähen an sonnigen Samstagen bis zu 15% der Ozonbelastung. Die Schadstoffbilanz der kleinen Motoren ist um ein vielfaches schlechter als die von moderneren Automotoren. Vor allem die Zweitakter kontaminieren über die Abgase den Boden direkt mit unverbranntem Kraftstoff und Öl und bergen eine hohe Krebsgefahr für den Mähenden. Etliche Tonnen Plastikmüll von zerstückelten Mähfäden der Motorsensen summieren sich alljährlich in der Landschaft.

Mähen im Privatbereich ist eine weitestgehend nebensächliche Tätigkeit, nicht lebensnotwendig und reine Geschmacksache. Daher muss man sich wundern, dass es nicht in der "EG-Ökodesign-Richtlinie"(-in Deutschland umgesetzt als "Energiebetriebene-Produkte-Gesetz"-) enthalten ist, wo ja angeblich "energieverbrauchsrelevante" Produkte "umweltgerecht gestaltet", also in Ausführung und Anwendung beschränkt werden. (Hierüber wurden z.B. die Glühbirnen abgeschafft und werden Kühlschränke, Staubsauger, Kaffeemaschinen, usw. reglementiert.) Offenbar konnte die entsprechende Lobby sich hier durchsetzen, und die Altparteien wollten es sich mit den Eigenheimbesitzern, einer recht verlässlichen Wählergruppe, nicht verderben.

Da also aus der Politik mal wieder nichts zu erwarten ist, müssen verantwortungsbewusste Bürger sich hier selbst Gedanken machen.
Fakt ist: Jeder, der mit Motor mäht, schädigt mindestens die natürlichen Lebensgrundlagen seiner Nachkommen und belästigt seine Nachbarn mit Lärm. Je weniger also, desto besser!
Statt sich durch bessere Mäher zum Bearbeiten immer größerer Flächen verleiten zu lassen, kann man umgekehrt einen Teil des Grünzeugs auch einfach mal stehen lassen.

Noch besser wäre es, wieder verstärkt Geräte ohne Motor zu benutzen. Mit Spindelmähern bekommt man eine ebenso perfekte Rasenfläche hin und ist dabei kaum langsamer als mit Motorrasenmähern. Ja man spart sich sogar das Joggen danach, weil die kleine Anstrengung beim Schieben gut ist für Muskeln, Herz und Kreislauf.
Das andere umweltfreundliche Mähgerät ist die gute alte Handsense. Mit etwas Übung schafft man mit ihr locker eine höhere Flächenleistung als mit der dröhnenden Motorsense. Und man kann jederzeit mähen, während laut Landesimmissionschutzgesetz die Benutzung von Motorsensen nur zwischen 9 und 13 Uhr und zwischen 15 und 17 Uhr erlaubt ist. Wer also danach die Motorsense anwirft, macht sich strafbar. Da ist auch die ungünstige Arbeitszeit, die einen erst nach 17 Uhr nach Hause kommen lässt, keine Ausrede.

Leute, habt keine Angst vor der Handsense. Sie ist ein vortreffliches Werkzeug. Ich mähe schon seit über 20 Jahren gut 500 qm unterschiedlichen Bewuches mit ihr und daneben noch 400 qm Rasenfläche mit dem Spindelmäher. Es sind Sensenblätter mit 4 unterschiedlichen Längen und Schärfen im Einsatz, geeignet von weichem Gras bis zum holzigen Gestrüpp. Das Dengeln, also das Dünnklopfen der Schneide vor dem Abziehen, habe ich mir selbst beigebracht und die nötigen Werkzeuge dazu besorgt.
Ich kann nur jeden ermutigen, ebenfalls ohne Motor zu mähen. Es braucht zwar etwas Mut, um aus der Gruppenkonvention deutscher Durchschnittsmäher und Idealtypen aus Gartenkatalogen und Baumarktprospekten auszuscheren und Geduld, um durch die Übungsphase zu kommen, in der die Ergebnisse etwas unbefriedigend ausfallen. Doch man belastet Unbeteiligte und sich selbst nicht mit Abgasen, keine Nachbarn mit Lärm, betreibt eine besondere Form von Fitnesstraining und bekommt eine vielfältigere Natur ums Haus herum.
Und man ist fein raus, wenn mal wieder jemand sagt, dass heutzutage der deutsche Mann ohne seine Hilfsmittelchen Strom und Benzin keinen Grashalm mehr ab kriegt.

März 2015:

Über Sprachverständnis und Dummgebabbel

In Deutschland gibt es alle möglichen Abstufungen bezüglich der Fähigkeit, einen Text zu verstehen. Die Bandbreite reicht vom Bürger mit wenig Schulbildung, bis hin zum Professor für sprachlastige Wissenschaft, der druckreife Sätze von sich gibt. Ich will natürlich, dass jeder das Thema versteht, andererseits aber lassen sich manche schwierigere Zusammenhänge kaum über eine Bildzeitungs-Sprache vermitteln. Da ist es schwierig, einen passenden Mittelweg zu finden.
Bei manchem, was wir täglich so zu lesen und zu hören bekommen, ist gar nicht geplant, uns etwas Konkretes mitzuteilen. Entweder will uns der Mitteilende von sich selbst beeindrucken, eine unwichtige Information künstlich aufblasen oder von irgendetwas ablenken.

Folgenden Satz werden wohl einige kennen: "Das Volumen subterran kultivierter Agrarprodukte steht in reziprok proportionaler Relation zur intellektuellen Kapazität der Agrarproduzenten." Nicht verstanden?
Heißt nichts anderes als: "Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln."

In einem älteren Schulbuch fand ich kürzlich das "automatische Schnellformulierungssystem", eine Tabelle mit drei Spalten von je 10 typischen Wörtern aus dem politischen Sprachgebrauch. Damit lassen sich bis zu 1000 unheimlich wichtig klingende Ausdrücke erzeugen. Sie verleihen jeder Rede und "jedem Bericht eine entschiedene, von Fachwissen geprägte Autorität. Keiner wird im Entferntesten wissen, wovon Sie reden. Aber entscheidend ist, dass niemand es wagen wird, dies zuzugeben."
Man kann damit auch Sätze zusammenstellen, wie etwa: " Mittels konzertierter Wettbewerbskontingenz, ambivalenter Interpretationsproblematik und funktioneller Führungsstruktur konnten wir die systematisierte Konsolidierungsphase zur Synchronisierung der permanenten Wachstumstendenz flexibilisieren." Dies ist leeres aufgeblasenes Dummgebabbel oder "Verbalemission ohne kommunikative Signifikanz".
So reden sie vor allem in der hohen Politik, im Finanzsektor, in Wirtschaftsverbänden und in Kreisen der "Wirtschaftswissenschaft". Eine andere Sprache zu sprechen als das Volk ist diesen Leuten wichtig. So lässt sich genügend Abstand zwischen beiden Gruppen wahren, um die Banalität des eigenen Tuns zu verschleiern und um Kontrolle ausüben zu können. Deshalb spricht man auch von "Herrschaftssprache". Wer wirklich etwas zu sagen hat, redet verständlich, anderenfalls ist Vorsicht geboten.

Auch der Meister des Luftblasengequatsches, Helmut Kohl, pflegte Sätze zu formen wie Stopfwolle. Der geniale Dieter Hildebrand legte ihm einmal ein Gedicht von Mathias Claudius in den Mund (Originalgedicht in Großbuchstaben):
"DER MOND, meine Damen und Herren, liebe Freunde, und das möchte ich hier in aller Offenheit sagen, IST AUFGEGANGEN, und niemand von Ihnen, meine Damen und Herren, wird mich daran hindern, hier mit aller Entschlossenheit festzustellen: DIE GOLDNEN STERNLEIN PRANGEN, und, wenn Sie mich fragen, meine Damen und Herren, wo, dann sag ich es Ihnen, AM HIMMEL, und das sei hier in aller Eindeutigkeit gesagt, so, wie meine Freunde und ich uns immer zu allen Problemen geäußert haben: HELL UND KLAR. Und ich scheue mich auch nicht hier an dieser Stelle ganz konkret zu behaupten: DER WALD STEHT SCHWARZ, und lassen Sie mich in aller Bescheidenheit hinzufügen: UND SCHWEIGET. Und hier sind wir doch alle aufgerufen, gemeinsam, die uns tief bewegende Frage an uns zu richten: Wie geht es denn weiter? Nun ich habe den Mut und die tiefe Bereitschaft und die Entschlossenheit, meine Damen und Herren, Ihnen hier freimütig zu bekennen: UND AUS DEN WIESEN STEIGET, das, was meine Reden immer ausgezeichnet hat, DER WEISSE NEBEL WUNDERBAR."

Manche kennen vielleicht auch Loriots Rede als Bundestagsabgeordneter Karl-Heinz Stiegler, in der dieser auf leidenschaftliche Weise rein gar nichts sagt. Im Spiegel gab es einmal den "Kanzler-Phrasomat", mit dem man Reden von Angela Merkel selbst zusammenstellen konnte. Ihr Kohl-ähnliches Gefasel besteht aus immer den gleichen typischen wichtigtuerischen Ausdrücken, passend zu jeder Gelegenheit. Immerhin von Rhetorik-Profis und Psychologen mitentwickelt, ist ihr "Politiksprech" auf maximale Einlullungs-Wirkung auf die Bevölkerung hin getrimmt.
Ich kann da nur sagen:
Lassen Sie sich nichts vormachen! Texte verstehen kann man üben, indem man liest und darüber spricht, - muss ja nicht gerade die Blödzeitung sein.

 

Februar 2015:

Über Politische Korrektheit

Der Begriff der "political correctness" kommt ursprünglich aus den USA. Er wurde in den 1980er Jahren als eine Art der Sprache begründet, die ohne Diffamierungen und unterschwellige Kränkungen gegenüber Minderheiten auskommt. Man hoffte, mit nicht wertender und neutraler Ausdrucksweise ergebnisorientierter über heikle Themen wie Bürgerrechte, Gleichberechtigung und Antidiskriminierung sprechen zu können. Dies war bis dahin schwierig, weil ultrakonservative Mehrheitsvertreter alles, was ihnen nicht behagte, im Vorfeld schon und ohne Argumentation mit üblen Sprüchen abbügelten.
In den 1990er Jahren dann wurde "Political Correctness" für Ultrakonservative zu einem Kampfbegriff gegen, wie sie meinten, "Zensur und Meinungsdiktatur". Mittlerweile sind die beiden unterschiedlichen Haltungen zu "Political Correctness" in den USA ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Vor allem an Universitäten, aber auch in Behörden, Unternehmen und privaten Geschäften wie Restaurants gibt es sogenannte "Speech Codes" über politisch korrektes Reden, und Mitarbeiter, die sich daran nicht halten, müssen um ihre Anstellung fürchten.

Auch in Deutschland entwickelt sich der Begriff der Politischen Korrektheit auf zwei extreme Arten zum Druckinstrument. Nicht nur liberale Konservative empfinden es als anmaßend, sich gefälligst nach vermeintlich fortschrittlichen Gesellschaftsideen richten zu sollen, und sehen beispielsweise gesetzliche Verankerungen geschlechtsneutraler Ausdrucksweise im Zuge des sogenannten "Gendermainstreaming" als kritisch an, wie etwa in der neuen Straßenverkehrsordnung. Eigentlich dafür gedacht, die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann zu fördern, wird die Art und Weise, wie dadurch die Sprache verändert wird, streckenweise zur Absurdität.
Auch ist es doch lächerlich, wenn in Kinderbuchklassikern, etwa von Astrid Lindgren oder Otfried Preußler Worte wie Negerkönig oder Zigeunermädchen durch "korrektere" Ausdrücke ersetzt werden müssen.

Eine andere Dimension hat es allerdings, wenn rechtsradikale Kreise auf den Zug gegen übertriebene Politische Korrektheit aufspringen. Da gerät die Diskussion schnell hinein in wüste Verschwörungsphantasien. Bestimmte Buchautoren wie Sarrazin, Ulfkotte oder Pirincci beispielsweise mischen zu ihrem Rassismus-Light aus üblen Halbwahrheiten und Schmähungen geschickt ein Fünkchen nachvollziehbarer Kritik gegen die Politische Korrektheit, und schon sind sie die Helden jener, die ungestört über Migranten, Schwule und Lesben, Frauen, Muslime, Arbeitslose, Beamte, usw. herziehen möchten.

Indessen ist Kritik an den Medien schwierig geworden, besonders wenn es um die Berichterstattung zu großen aktuellen Themen geht wie Griechenlandpolitik, Ukrainekonflikt, Palästinenserfrage oder US-amerikanische Außen- und Geheimdienstpolitik. Wenn man da mit der "Mainstream-Meinung" nicht einverstanden ist, findet man sich ganz schnell mit rechten Populisten in eine Schublade gesteckt.
Wer die Siedlungs- und Konfrontationspolitik des Staates Israel kritisiert, läuft Gefahr, als Antisemit bezeichnet zu werden. Dies müssen sich sogar Kritiker gefallen lassen, die selber Juden sind. Oder man darf den US-Neokolonialismus nicht offen kritisieren, ohne zum Antiamerikanisten gestempelt zu werden.
Hier wird gezielt tabuisiert, um öffentliche Diskussionen zu unterdrücken.
Übrigens: Kann man mit einer Regierung, die täglich weltweit Destabilisierung betreibt, ohne Prozess Menschen foltern oder unschuldige Zivilisten mit Drohnenbomben töten lässt, ein Freihandelsabkommen vereinbaren? - Oh, Verzeihung, diese Frage war jetzt politisch nicht korrekt!

Es nervt viele, wenn Politiker in ihren Reden ständig von Bürgerinnen und Bürgern, Wählerinnen und Wählern, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Autofahrerinnen und Autofahrern, usw. reden und damit den Eindruck erwecken wollen, sie wären ja sooo gerecht und modern.
Letztendlich bleibt die Politische Korrektheit ein gequältes und vergebliches Ablenkungsmanöver gegenüber eigener und gesellschaftlicher Unzulänglichkeit.
Umberto Eco vermutet, sie sei nur dazu da, das zugrunde liegende Problem zu kaschieren, weil man es nicht lösen will oder kann. Der Philosoph Slavoj Žižek sagt, die politisch korrekten Begriffe müssten ständig durch neue ersetzt werden, weil sie sich abnutzten; aus dieser Beschönigungstretmühle gäbe es kein Entrinnen, solange das eigentliche Problem weiter bestehe. - Da lob ich mir das coole und entspannte Verhältnis unserer Turnerfrauen dazu, die nach einem gemütlichen Ausflug erzählten, sie wären "mit achtzehn MANN" essen gewesen.

 

Januar 2015:

Über Flüchtlinge und Bürgerangst

Der islamistische Terror in etlichen Bürgerkriegsgebieten der Welt war das bestimmende Thema im Jahr 2014. Im nahen Osten müssen Millionen von Menschen vor brutalen Totschlägerhorden die Flucht ergreifen. Die meisten Nachbarländer der IS-Gebiete sind unter den Flüchtlingsströmen schon zusammengebrochen. In Deutschland wäre jetzt schnelles Handeln von Nöten, doch man beschäftigt sich beim Thema Asyl und Einwanderungsgesetz eher mit konservativ-bürgerlichen Befindlichkeiten.

Im Januar konnten Stimmungsmacher wie Pegida das Feld übernehmen. Im Positionspapier dieser "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" finden sich deutlich asylkritische Forderungen, wie von rechtsexremen Gruppen schon einschlägig bekannt, aber auch liberalere Töne. Sicherlich ist diese Uneindeutigkeit der Grund für den derzeitigen Erfolg.
Auf den Veranstaltungen finden sich neben Rechtsradikalen vor allem Bürger, die von sozialem Abstieg betroffen sind, bis hin zu Mittelständlern mit quengelig diffuser Unzufriedenheit mit den Parteien.
Jakob Augstein schrieb im Spiegel, dass Teilnehmer einer Pegida-Demo eigentlich nur Rassisten oder Idioten sein könnten. Hat er damit Recht?
Ein Rassist muss in seinem Kopf die ihn umgebende Realität stark vereinfachen, um so die Illusion eines Verstehens zu bekommen. (Dies ist auch die wichtigste Gemeinsamkeit mit Islamisten und sonstigen extremen Fundamentalisten). Die anderen Demonstranten lassen sich immerhin ermuntern, Flüchtlinge als Schuldige für ihre eigene Ohnmächtigkeit ins Visier zu nehmen. Indem sie noch Schwächere bezichtigen, begehen sie wiedermal einen Jahrtausende alten Irrtum. Man muss schon ziemlich doof sein, zu meinen, es ginge einem besser, wenn man die Tritte von oben einfach nach unten weiter gibt.

Jedenfalls gilt: Pegida ist NICHT das Volk! Der Spruch von der "Islamisierung des Abendlandes" ist ebenso hohle Antiasyl-Propaganda, wie: "Das Boot ist voll." Deutschland ist ebenso wenig bedroht von Bürgern mit muslimischem Glauben, wie von Anhängern sonstiger Religionen. Unsere Nation ist auch KEIN enges Boot ohne Steuerung.
Eine gesunde Volkswirtschaft funktioniert mit beispielsweise 82 Millionen vollständig teilhabenden Menschen genauso gut wie mit 80 Millionen, weil das Verhältnis zwischen Produktion und Verbrauch, und damit auch zwischen notwendiger Arbeit und Nachfrage nach Arbeit immer gleich bleibt. Ob 2 Millionen Flüchtlinge als neue Mitbürger, oder aber 2 Millionen mehr gezeugte Kinder, ist egal. Asylsuchende kosten nur dann Geld, wenn sie kaserniert und zur Untätigkeit verdonnert werden.

Und wieso denn Angst haben vor Zuwanderern, welche die deutsche Verfassung achten? In jedem Volk und in jeder Kultur finden sich immer die gleichen Anteile sowohl an netten Leuten, wie auch an Arschlöchern. Insofern ist es völlig egal, ob in der Nachbarschaft eine Familie aus Deutschland, aus Polen, Griechenland oder aus Syrien wohnt.
Auch der Begriff von der deutschen Identität, die manche gefährdet sehen: Gibt es die überhaupt? Wie soll die denn aussehen? Angst vor Fremden ist Angst vor Neuem und Angst vor der eigenen kulturellen Bereicherung.
Warum sich verweigern vor dem, was ohnehin kommt? Spätestens mit der Globalisierung und der digitalen Revolution wurde unumkehrbar die totale Umwälzung sämtlicher gesellschaftlicher Verhältnisse eingeleitet. Seien wir doch nicht dumm: In der Geschichte waren immer jene Länder am erfolgreichsten, in denen Vielfalt herrschte, und unter einheitlichen Rechten und Pflichten "jeder nach seiner Fasson selig" werden konnte.

Statt gegen Asylsuchende und friedliche Leute mit anderem Glauben sollten die Deutschen besser gegen das zunehmend ungerechte Wirtschaftssystem demonstrieren. Laut statistischem Bundesamt waren im Jahr 2013 schon 16,2 Millionen Deutsche von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen.
Dieses System ist die eigentliche Ursache für die wachsende soziale Kälte, für den Mangel an vernünftigen Arbeitsplätzen und die Existenzängste der meisten Bürger. Und dieses System ist, wie selbst Heiner Geißler in seinem Buch "Sapere aude!" schreibt, ein Mitverursacher des Terrorismus, weil es weltweit menschliche Werte und gewachsene Kulturen dem Profit opfert.
Und: Bei allem Recht auf begründete Kritik, aber haben wir es als Beweis unserer demokratischen Freiheit wirklich nötig, uns über andere Religionen mit derben Karikaturen lustig zu machen? Ist Empathie nicht auch ein Bestandteil der Freiheit? In diesem Sinne jedenfalls bin ich NICHT Charlie!





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